Ad Corona

Vermutlich waren es nur wenige, die sich vor einigen Monaten ausgemalt haben, mit was für einer Pandemie die Gesellschaften innerhalb kürzester Zeit konfrontiert sein werden. Eher jämmerlich sind die Reaktionen deutscher Geistesgrößen hierzu bisher. Entweder werden die Folgen verharmlost wie dies von prominenter Stelle aus neben vielen anderen der Philosophendarsteller Richard David Precht getan hat, oder die neu aufgelegte Leier von der „Krise als Chance“ wird geboten. So wittern Sozialwissenschaftler wie Hartmut Rosa („Das Virus ist der radikalste Entschleuniger unserer Zeit“) oder der Zukunftsforscher Matthias Horx („Corona-Rückwärts-Prognose“) die Chance zum Verkauf ihrer Bücher und fragwürdigen Prognosen. Kritiker dagegen sollten sich davor hüten der grauenhaften Realität mit einem grundlosen Optimistensprech auch noch Rückenwind zu geben. Der Standpunkt von dem aus kritisiert wird, ist selbst kein überzeitlich bestehender. Idealerweise wird er in einem Prozess eingenommen worden, in dem sich die Reflexion realer Gegebenheiten zeigt. Das kritische Denken kann aber nur gelingen, wenn es sich auch von der Wirklichkeit affizieren lässt und damit etwas anderes ist, als das Nachplappern altbekannter Statments. Eine globale Bedrohung, wie sie sich derzeit durch die Pandemie zeigt und die erfolgten Reaktionen, haben nicht nur Auswirkungen auf die ökonomischen Grundlagen. Kritische Interventionen richten sich gegen staatlich und zivilgesellschaftlich veranlasste Gemeinschaftsappelle und zugegebenermaßen unangenehmes Denunziantentum. Neben der notwendigen Wachsamkeit angesichts von Grundrechtseinschränkungen, drohenden Ausweitungen der Arbeitszeit und erwartbarer Massenarmut gibt es ein zweites Moment, das zwar nicht bestimmend ist, aber nicht unter den Tisch fallen sollte. Eine neue Form der Globalisierung deutet sich zumindest in dem in seinen Grundzügen zusehends ähnlich geführten Kampf gegen eine globale Erkrankung an. Der (womöglich nur vorübergehend) nicht offen geführte Kampf gegen die Alten und Schwachen ist ein Anzeichen davon. Hier scheint so etwas wie eine (vielleicht nur vorübergehende) Pause vorzuherrschen. In der immer wieder gehörten Rhetorik, dass doch die Gesundheit aller wichtiger sei als die Ökonomie scheint immerhin das von Adorno Formulierte auf, dass sich die Humanität einer Gesellschaft am Umgang mit ihren Schwächsten zeigt. Wieviel davon übrig bleibt ist fraglich und der Blick auf unzählige Staaten, die ihre Bevölkerung der Pandemie nahezu ungeschützt aussetzen, stimmt nicht gerade hoffnungsfroh, aber es nicht zu benennen verweist auf die Resignation, also darauf, dass man gar nicht daran glauben möchte. Jedenfalls kommen die auch in ideologiekritischen Kreisen gern verwendeten Buzzwords von den „Blockwarten“ und das Genörgele über die Hamsterkäufer ein wenig altbacken daher und wirken so, als könne man sich alles noch mit den Begriffen von gestern erklären. Nicht ganz unerwartet wird man darüber informiert, dass auch von staatlicher Seite die Krise als Chance gesehen wird. Verfassungsrechtler wollen die Einschränkung der Grundrechte schon für die staatliche Durchsetzung der sogenannten Klimaziele in Anschlag bringen, Politik, Medien und Bevölkerung loben sich gegenseitig für die Disziplinierung beim "Distancing". Selbstverständlich steht die autoritäre Einschränkung von Grundrechten in den Startlöchern, natürlich träumen Bürokraten von der perfekten Überwachung wie in der VR China. Vermutlich gibt es tatsächlich wenig Grund dazu, im freiwilligen Rückzug und in der Selbstbeschränkung bei der Ausübung von Grundrechten etwas Fortschrittliches zu erkennen. Dennoch ist der Krieg gegen die Alten und Unwerten vorerst eingestellt. Es ist zu befürchten, dass er mit voller Wucht erneut losbrechen wird, wenn die ökonomischen Folgen erkennbar werden und die längst dominant gewordene zutiefst inhumane, da durch und durch ideologische Klimabewegung wieder Fahrt aufnehmen kann. Ein inhumanes Amalgam aus Planetenschützern dürfte sich dann finden. Dass der momentan vorherrschende Schock und die Auswirkungen der Pandemie dennoch ein kollektives Nachdenken über die Bedrohung der Gattung und die Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit auslösen, soll dabei nicht unterschlagen werden. Die zynischen Einwürfe und die einlullenden Besinnungsaufsätze deutscher Intellektueller sollten dieses Nachdenken allerdings bitteschön nicht verhindern.